Stifter,
Adalbert (1805-1868) 
Nachsommer
Vor einem Gewitter Schutz suchend, wird die Hauptfigur Heinrich Drendorf
im Roman Stifters von den voll erblühten Rosen an einer Hauswand
in den Rosenhof gelockt, wo ihn der ältere Besitzer, der Gastfreund,
freundlich aufnimmt. Durch regelmäßige Besuche im "Rosenhaus
vertieft" sich die Beziehung, und der Gastfreund wird zu Heinrichs Mentor
und Vorbild. Sein Gastgeber führt ihn in seine "Kulturarbeit" ein,
die sich auf die umgebende Natur und Landschaft, in der er als Gutsherr
einen ökologischen Landanbau betreibt, wie auf die ästhetisierende
Ausgestaltung des Lebensraums mit dem Haus als Mittelpunkt erstreckt und
in die Rosenpflege. Regelmäßig zur Rosenblüte kommen Natalie
und ihre Mutter Mathilde von ihrem nahe gelegenen Gut, dem Sternenhof,
ins Rosenhaus, wo auch Heinrich immer wieder Station macht. Allmählich,
im Bannkreis der Rosen, vertieft und festigt sich die Liebe zwischen Heinrich
und Natalie.
Die Wand des Erdgeschosses war bis zu den Fenstern des oberen
Geschosses mit den Rosen bedeckt. Der übrige Teil bis zu dem Dache
war frei, und er war das leuchtende weiße Band, welches in die Landschaft
hinaus geschaut und mich gewissermaßen herauf gelockt hatte. Die
Rosen waren an einem Gitterwerke, das sich vor der Wand des Hauses befand,
befestigt. Sie bestanden aus lauter Bäumchen. Es waren winzige darunter,
deren Blätter gleich über der Erde begannen, dann höhere,
deren Stämmchen über die ersten empor ragten, und so fort, bis
die letzten mit ihren Zweigen in die Fenster des oberen Geschosses hinein
sahen. Die Pflanzen waren so verteilt und gehegt, daß nirgends eine
Lücke entstand und daß die Wand des Hauses, soweit sie reichten,
vollkommen von ihnen bedeckt war.
Ich hatte eine Vorrichtung dieser Art in einem so großen
Maßstabe noch nie gesehen.
Es waren zudem fast alle Rosengattungen da, die ich kannte, und
einige, die ich noch nicht kannte. Die Farben gingen von dem reinen Weiß
der weißen Rosen durch das gelbliche und rötliche Weiß
der Übergangsrosen in das zarte Rot und in den Purpur und in das bläuliche
und schwärzliche Rot der roten Rosen über. Die Gestalten und
der Bau wechselten in eben demselben Maße. Die Pflanzen waren nicht
etwa nach Farben eingeteilt, sondern die Rücksicht der Anpflanzung
schien nur die zu sein, daß in der Rosenwand keine Unterbrechung
statt finden möge. Die Farben blühten daher in einem Gemische
durch einander.
Auch das Grün der Blätter fiel mir auf. Es war sehr
rein gehalten, und kein bei Rosen öfter als bei andern Pflanzen vorkommender
Übelstand der grünen Blätter und keine der häufigen
Krankheiten kam mir zu Gesichte. Kein verdorrtes oder durch Raupen zerfressenes
oder durch ihr Spinnen verkrümmtes Blatt war zu erblicken. Selbst
das bei Rosen so gerne sich einnistende Ungeziefer fehlte. Ganz entwickelt
und in ihren verschiedenen Abstufungen des Grüns prangend standen
die Blätter hervor. Sie gaben mit den Farben der Blumen gemischt einen
wunderlichen Überzug des Hauses. Die Sonne, die noch immer gleichsam
einzig auf dieses Haus schien, gab den Rosen und den grünen Blättern
derselben gleichsam goldene und feurige Farben.
(Quelle
Gutenberg)
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